13. Mai 2017
Martin Vahrenhorst zu einem aktuellen Thema:

„Wenn et Bedde sich lohne däät...“


Selbst im Dunkeln hätte ich den Abspielarm meiner Stereoanlage an die richtige Stelle auf der Schallplatte „Vun drinne noh drusse“ setzen können, so oft habe ich dieses Lied als Jugendlicher gehört. „Wenn Beten sich lohnen würde, was meinst du wohl wofür ich alles beten würde...“

Auch gut fünfunddreißig Jahre später drängt sich mir diese Frage hin und wieder auf: Lohnt sich Beten überhaupt? Vor zwei oder drei Jahren konnte man in einer großen deutschen Wochenzeitung lesen: Ja, Beten lohnt sich – und zwar als „therapeutisches Selbstgespräch“, denn Beten beruhigt und hilft, die Gedanken zu ordnen. Soviel also zum Fazit der Kölner Band BAP: „Jott, wär't Bedde doch bloß nit su sinnlos...“. Sinnlos ist das Gebet also nicht. Aber stellt diese Antwort zufrieden? Ist das Gebet wirklich nur ein Selbstgespräch?

Ausschließen kann man das nicht. Viele Menschen haben die Erfahrung gemacht, dass ihre Gebete ins Leere gegangen sind, dass ungehört verhallte, was sie in ihrer Not Gott anvertraut haben. Diese Erfahrung ist so alt wie das Gebet selbst. Im großen Lehrbuch des Betens, in den Psalmen, finden wir Sätze wie: „Mein Gott, des Tages rufe ich, doch antwortest du nicht“ (Ps 22,3). Selbst Jesus, der viel gebetet hat, musste die Erfahrung machen, dass trotz seines innigen Gebets der Kelch nicht an ihm vorüber ging (Mk 14,36). Daneben stehen die Bekenntnisse von Menschen, die erfahren haben, dass da jemand ist, der das Gebet hört und darauf auch antwortet. Damit ist das Feld abgesteckt, auf das wir uns begeben, wenn wir beten. Es kann so laufen, wie wir uns das wünschen, muss es aber nicht.

 In vielen Sprachen ist das Wort für Gebet mit dem für Bitten verwandt. Damit wird suggeriert, dass Beten bedeutet, Gott um etwas zu bitten. Das ist aber nur eine Seite der Medaille. Gut, im Gebet kann man Gott auch danken. Das erfährt man spätestens im Konfirmandenunterricht – und es wäre ja auch unhöflich, immer nur „Bitte“ zu sagen und nie „Danke“.

Dass Gebet aber noch etwas ganz Anderes sein kann, habe ich in Jerusalem gelernt, wo ich fast zehn  Jahre meines Lebens verbringen durfte. Ich hatte dort vor allem mit Menschen im jüdischen Teil der Stadt Kontakt. Sofern sie religiös sind, beten sie dreimal am Tag (gefühlt zweimal, weil das Nachmittags- und das Abendgebet oft direkt hintereinander gebetet werden). Sie beten dabei nicht frei, sondern immer die gleichen Texte mit leichten Variationen. Jeden Tag die gleichen alten Worte: Worte des Dankes, des Lobes, des Vertrauens und der Klage. Dabei gibt es durchaus Raum für persönliche Anliegen – aber diese stehen nicht im Vordergrund. Das Gebet ist nicht so sehr Bitte, es ist vor allem Beziehungspflege. Wer betet, klinkt sich für eine bestimmte Zeit aus dem Alltag aus und widmet seiner Beziehung zu Gott Zeit.

Mich hat das beeindruckt: Schließlich rede ich mit meiner Frau ja auch nicht nur dann, wenn ich sie um etwas bitte. Und vor allem stelle ich nicht die Frage, ob es sich lohnt, mit ihr zu sprechen. Eigentlich ist es selbstverständlich: Beziehungen brauchen Zeit und Gespräch – warum sollte das bei der Beziehung mit Gott anders sein? Aber trotzdem: Bleibt das nicht ein sehr einseitiges Gespräch? Antwortet Gott auch? Kobi, ein Freund von mir, der seit Jahren jeden Morgen um fünf Uhr aufsteht, um zum Morgengebet in die Synagoge zu gehen, weil es sich in der Gemeinschaft eben besser betet, bejaht diese Frage: „Es ist wie mit einem Handy. Manchmal hat man Empfang und manchmal ruft man: 'Hallo, ich habe gerade keine Verbindung – ich kann dich nicht hören.'“   

Der Vergleich mit dem Handy gefällt mir. Aber wie antwortet Gott? „Zuweilen finde ich zwischen den Zeilen, deren Worte ich spreche, oder in dem Buch, das ich lese, eine Antwort auf eine Frage, die mich gerade beschäftigt.“, erklärt Kobi, der kein Buch so sehr liebt, wie die Bibel. Ich lerne aus diesem Gespräch vor allem eines: Wenn ich eine Verbindung haben will, muss ich das Handy auch auf Empfang schalten. Ich werde es wohl nicht auf vierzig Minuten Gebet pro Tag bringen – aber in paar Minuten sollten schon drin sein: Hören und fragen, erzählen und lesen. Ob es sich lohnt? Probieren wir es aus!





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