12. Juni 2021
Martin Vahrenhorst zu einem aktuellen Thema:

Höhen und Tiefen


In diesem Jahr rufen wir uns ins Gedächtnis, dass es seit 1700 Jahren jüdisches Leben in dem Gebiet gibt, das wir heute Deutschland nennen. In dieser Zeit gab es im den Beziehungen zwischen Christentum und Judentum wenige Höhen aber sehr viele Tiefen. Erst das Erschrecken über den Massenmord an Jüdinnen und Juden hat die Kirchen langsam dazu gebracht, ihre Einstellung zum Judentum zu überdenken und kräftig zu revidieren. Evangelischerseits ist ein Meilenstein dazu der Rheinische Synodalbschluss von 1980. Die katholische Kirche hat etwas mehr als ein Jahrzehnt davor beeindruckende Weichenstellungen vorgenommen. Um es kurz zu sagen: Nachdem die Kirchen jahrhundertelang im Judentum eine Religion gesehen haben, die ihr Existenzrecht verloren hat, herrscht nun ein Konsens darin, dass Jüdinnen und Juden nicht erst zum Christentum konvertieren müssen, um in einer intakten Beziehung zu Gott zu stehen. Gottes Bund mit ihnen galt in der Vergangenheit und gilt ungebrochen in Gegenwart und Zukunft.

Jüdische Menschen haben diesen Sinneswandel im Christentum aufmerksam beobachtet. Sie haben sich an Versuche aus ihrer eigenen Tradition erinnert, mit dem Christentum in einem fruchtbaren Dialog zu treten. Dabei gibt es Beachtliches zu entdecken: In der 2015 erschienenen Erklärung „Den Willen unseres Vaters im Himmel tun“ (https://www.cjcuc.org/2015/12/03/orthodox-rabbinic-statement-on-christianity/) haben orthodoxe Rabbiner unter Rückgriff auf ihre Tradition deutlich gemacht, dass sie im Christentum keinen Irrtum der Geschichte sehen, sondern ein von Gott gewolltes Geschenk an die Völker der Welt.

Rabbiner Dr. Jehoschua Ahrens hat dies in einem beeindruckenden Interview vor einigen Tagen nochmals sehr schön dargestellt (https://www.juedische-allgemeine.de/religion/es-geht-um-wertschaetzung/).

Als Jüdinnen und Juden, Christinnen und Christen – und ich möchte ergänzen Muslima und Muslime  –  stehen wir in einer Welt, die deutlich säkularer wird, auf der gleichen Seite. Dabei geht es nicht darum religiöse Pfründe zu bewahren. Es ist unsere gemeinsame Aufgabe, daran zu erinnern, dass es „mehr als alles“ gibt, dass es Grenzen gibt, die uns gesetzt sind, und die wir zu unserem eigenen Wohl nicht überschreiten sollten. Das verwischt nicht die Differenzen, die zwischen uns bestehen bleiben – aber das macht ja gerade den Reiz aus, dass Menschen, die unterschiedlichen religiösen Überzeugungen verpflichtet sind, gemeinsam an der Gestaltung der Zukunft arbeiten können – zum Wohle der Menschen und zur Ehre unseres Vaters im Himmel.  





Zurück